Bar Babette

"junction"
invited by Paris Giachoustidis

with:

Bjorn Streeck, Myriam Mechita, Lea Mugnaini, David Moses, Paris Giachoustidis, Tzusoo

Music: dj VVICKY (reif/VENGANZA)

Text: Beate Scheder

"junction"

Die ganze Tragik der Mathematik in einem Satz zusammengefasst: Sie berühren sich im Unendlichen. Zwei Parallelen berühren sich im Unendlichen, zumindest, wenn man die projektive Geometrie bemüht. Euklid würde nämlich entschieden widersprechen. Seinem Axiom folgend treffen sich parallele Geraden nie und nirgends, sonst wären sie nicht parallel.

Wie soll man sich das überhaupt vorstellen, das Unendliche?

Zwei Schienen eines Gleises sind zum Beispiel parallel. Brav halten sie stets denselben Abstand ein. Wenn man jedoch ihren Verlauf auf schnurgerader Strecke in topfebenem Gebiet von weitem betrachtet, dann meint man ihn am Horizont sehen zu können, jenen Punkt, an dem sie sich treffen. Möglicherweise.

Der Titel dieser Ausstellung lautet Junction. Junction, so wie man den Begriff im Eisenbahnwesen versteht, als Bezeichnung für einen Ort, an dem sich Bahnstrecken verbinden, wo sie ineinander übergehen oder sich voneinander abzweigen, je nachdem, wie die Weichen stehen.

Was die sechs Künstler*innen Björn Streeck, David Moses, Lea Mugnaini, Myriam Mechita, Paris Giachoustidis und Tzusoo Hankyul Lee verbindet, ist, dass sie sich allesamt – ob nun mit der Malerei, der Skulptur oder der Videokunst – zwischen Figuration und Abstraktion nicht entscheiden mögen. Sie fahnden nach dem Figurativen im Abstrakten und nach dem Abstrakten im Figurativen, tendieren mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung. Ihre Kunst befindet sich irgendwo im Dazwischen, da wo sich Abstraktion und Figuration einander annähern und wieder trennen, wie Eisenbahngleise an einem Knotenpunkt.

Zusammengeführt hat die sechs einer von ihnen: Paris Giachoustidis. Er ist der Kurator der Ausstellung und er ist Künstler. Giachoustidis findet die Sujets für seine Malerei online, in den Tiefen sozialer Netzwerke und den Weiten des www. Er sucht und er findet, er sammelt und er kombiniert, mal mehr, mal weniger Divergierendes, unterschiedliche Einflüsse, Ästhetiken, Techniken.

Mit der Ausstellung verhält es sich ähnlich. In den Praxen der Künstler*innen gibt es jeweils Aspekte, die der Künstlerkurator mit ihnen teilt oder die er genau deshalb interessant findet, weil er sie nicht teilt. Das kann ihr Zugang zu Materialien sein, zu Formen, gefundenen Bildern, ihr Umgang mit Sprache, ihre Nähe zu Dekoration.

Ausstellungen schaffen Kontexte, sie erzeugen und verdichten Zusammenhänge und Reibungen, die sich hinterher wieder auflösen. Einen Abend lang gibt uns Junction Gelegenheit, den Parallelen zwischen den beteiligten Künstler*innen nachzuspüren, mögen sie sich nun im Unendlichen berühren oder nie.

"junction"